von Gitta Spandau
Sie schaltete in den zweiten Gang zurück und bog von der Hauptstraße ab. Sie ließ das Gewühle, den Lärm, den Staub und die Arbeitswelt in der Innenstadt hinter sich. Die kleine Nebenstraße war ihre Straße. Sie durchfuhr eine lang gezogene Kurve, die auf beiden Seiten mit Einfamilienhäusern bebaut war. Es ging nun sanft bergauf, der schon tief stehenden Sonne entgegen. Sie freute sich auf Zuhause, wenn auch niemand dort auf sie warten würde. Mit ihren Augen umarmte sie das Haus dort oben auf dem Hügel.
Sie stellte das Auto ab und ging durch den Vorgarten zum Eingang. Sie schloss die Haustür auf. Die Ruhe, die das Haus ausstrahlte, breitete sich auch in ihr aus. „Wochenende,“ seufzte sie. „Zeit für mich, zum Lesen, Entspannen, Faulenzen.“
Sie öffnete die Terrassentür, ging hinaus und freute sich an der Blütenpracht. Sie streckte und dehnte sich in der Abendsonne, lauschte dem Vogelgesang. Es kam ihr vor, als wäre sie allein auf der Welt. Sträucher und Bäume umgaben den kleinen Garten wie eine grüne Wand.
Langsam ging sie ins Haus zurück. Sie freute sich auf den ruhigen Abend, aber gleichzeitig war ihr bewusst, dass es auch für sie noch Besseres geben könnte.
So ein ausgefüllter Arbeitstag in ihrem Richterzimmer oder im Gericht hinter dem Richtertisch verlangte den vollen Einsatz. Sie gab gern alles. Sie liebte ihren Beruf als Richterin. Auf die eine oder andere Stunde mehr im Amt kam es ihr nicht an. Das war wahrscheinlich auch der Grund, warum ihre Ehe damals scheiterte.
Sie zog ihre Lieblingsjeans an und war gerade dabei ein T-Shirt überzustreifen, als es an der Haustür läutete.
„Welcher Wind hat dich denn zu mir heraufgeweht?“ Sie streckte ihre Arme aus und ehe der Besucher auch nur ein Wort sagen konnte, hatte sie ihm einen Kuss auf die Backe gedrückt. Er revanchierte sich mit einer Umarmung, die vielleicht eine Idee zu lange dauerte. Erst im Innern des Hauses kam er zu Wort und das war ihm gar nicht einmal so unrecht, hatte er sich doch auf dem Weg, seit er von der Autobahn abgebogen war, zurechtgelegt, was er sagen könnte, wenn er ihr seit so vielen Jahren plötzlich gegenüberstehen würde Doch nach diesem Empfang fiel ihm die Erklärung für sein Erscheinen nicht mehr schwer. Auf Geschäftsreise sei er gewesen, die letzte Besprechung war schneller zu ende , als er gedacht hatte. So habe er beschlossen noch an diesem Tag nach Hause zu fahren. Unterwegs sei dann die Müdigkeit gekommen, die Tage waren doch sehr stressig. Als er auf der Autobahn den Vorwegweiser zu ihrem Städtchen sah, hätte er ganz spontan den Entschluss gefasst. Unten in der Stadt habe er sich ein Zimmer reserviert, und nun sei er da.
„Ein wenig Ruhe draußen in meinem kleinen Garten Eden wird dir gut tun“. Sie nahm ihn bei der Hand, führte ihn auf die Terrasse hinaus und bot ihm den bequemsten Sessel an. Er ließ es einfach geschehen und fühlte sich dabei so wohl wie schon lange nicht mehr.
Als sie mit zwei Gläsern Orangensaft mit Campari zurückkam und sich ihm gegenüber mit angezogenen Beinen auf der Bank niederließ, waren für ihn plötzlich viele, viele Jahre wie weggewischt. Die Eiswürfel in ihrem Glas klirrten leise, als sie ihm zuprostete. „Auf die Gegenwart! Die Vergangenheit ist lange vorbei“. Mühsam tauchte er aus seinen Gedanken auf, hob sein Glas und trank ihr lächelnd zu. Forschend streifte sein Blick ihr Gesicht. „Weißt du, dass du heute noch schöner bist wie vor vielen Jahren? Noch schöner als damals.“ Es tat so gut so etwas zu hören. Sie wollte lächeln, doch heiß stieg es in ihr auf. Sie spürte die Röte, die ihr ins Gesicht schoss. Schnell beugte sie sich hinunter, um ihre Schuhe auszuziehen. Als sie sich wieder aufrichtete und in seine Augen sah, war ihr bewusst, dass die Vergangenheit doch nicht so ganz vergangen war.
Nach längerem Schweigen fanden sie zum Gespräch zurück. So, als müssten sie sich neu kennen lernen, breiteten sie ihr Leben der letzten zwanzig Jahre voreinander aus. Ganz war ihr Kontakt nie abgerissen. Hie und da eine Urlaubskarte und ein Anruf zum Geburtstag.
Sätze plätscherten dahin. Nur keine Pause entstehen lassen. Aber plötzlich herrschte Schweigen. Um dieses Schweigen abzuschütteln, stand sie auf und ging zum Ende der Terrasse. Sie stützte sich auf das Geländer, ihr Blick schweifte durch den Garten. Sie schaute in die einbrechende Dämmerung, die die Konturen aufweichte und langsam verschwinden ließ.
Als sie seinen warmen Atem auf ihren Schultern und auf ihrem Hals spürte, schrak sie auf, wusste nicht, was sie tun sollte, konnte sich nicht lösen aus der stetig steigenden Spannung. Unter seinen Hände auf ihren Hüften verformte sich ihre Wirbelsäule zum Hohlkreuz, ihre Nackenhaare sträubten sich genau wie der Flaum auf ihren Armen. Alles in ihr war vom Kopf gesteuerte Abwehr. „Nicht noch einmal! Es kann nicht gehen, da wieder anzufangen, wo man vor zwanzig Jahren aufgehört hatte.“
Als seine Lippen sie genau auf der Stelle zwischen Hals und Schulter berührten, wo sie sie vor vielen Jahren so gern gespürt hatte, lockerte sich ihre Abwehr, ganz ohne ihr Zutun. „Vielleicht doch,“ summte es in ihr. „Warum nicht?“ Langsam drehte sie sich um. Sie schaute ihn nicht an. Sie wusste, was sie sehen würde. Sanft befreite sie sich aus seinen Armen. Ihre Lippen streiften die seinen. „Wir haben Zeit“, flüsterte sie. „Wir sind nicht mehr zwanzig. Die Zeit ist weitergegangen. Lass uns Essen gehen. Ich habe heute noch nicht allzu viel gekriegt. Du wahrscheinlich auch nicht. Es redet sich gut beim Essen und bei einem Glas Wein“. „Wie früher“, murmelte er. Alles andere erklärte er in einem Kuss, den sie nach kurzem Zögern erwiderte.
Gemütlich war es in dem kleinen Lokal. Sie genossen das Essen, den vorzüglichen Wein ihre Zweisamkeit in der kleinen Nische, in der ihr Tisch stand. Ihr Gespräch hatte sich immer mehr in die gemeinsame Vergangenheit zurückverlagert. So viele Sätze fingen an mit „Weißt du noch“. Zögernd tasteten sie sich heran an den Bruch ihrer Beziehung, damals nach dem Ende des zweiten Semesters. Es war das erste Mal, dass sie ruhig über die einstigen Probleme sprachen, über den jugendlichen Zorn, in dem sie auseinandergegangen waren. Aus heutiger Sicht wäre alles lösbar gewesen. Vielleicht.
Der Heimweg durch den kleinen Park den Hügel zu ihrem Haus hinauf dauerte lange. Es schien als müssten sie nachholen, was sie in den vielen vergangenen Jahren versäumt hatten, so viele Küsse, so viele Zärtlichkeiten.
An der Haustür nahm er ihr den Schlüssel aus der Hand und schloss auf. Das Licht der Straßenlampe fiel in die Diele. Er hob sie auf und trug sie zur Sitzgruppe im dämmrigen Wohnzimmer. Auch als er sie auf der Couch niederließ, konnte er sich nicht von ihr lösen. Tief atmete er den Duft ihres Haares und ihrer Haut. Seine Hände glitten über ihr Gesicht, über ihren Hals und beschäftigten sich am Ausschnitt ihres T-Shirts. Sie streichelten ihre Brüste, wanderten weiter zur Gürtelschnalle ihrer Jeans. Seine Küsse waren mitreißend, die Zärtlichkeiten, die er ihr zuflüsterte, betörend.
Die Angst davor wieder verletzt zu werden, hatte einen Schutzschirm um sie aufgebaut. Er war im Laufe des Abends immer kleiner geworden, doch ganz verschwunden war er erst in den letzten Minuten seit sie nach Hause gekommen waren. So gab sie sich nun ganz hin, ließ einfach los, genoss sein Begehren, das ihrem Ich schmeichelte und versuchte nicht länger ihre eigenen Gefühle, unter Kontrolle zu halten. Mit zitternden Fingern knöpfte sie sein Hemd auf, viel lieber hätte sie es einfach aufgerissen. Ihre Hände tasteten über seine Haut , wollten ihn spüren ,ihn fassen, ihn halten, ihm alles geben. Heute Abend würde sie nichts verwehren, im Gegensatz zu damals als ihre Erziehung und die Konventionen der Zeit ihr Enthaltsamkeit auferlegten.
Seine Lippen waren überall auf ihrem Körper, brachten ihn zum Glühen, zum Verlangen nach mehr. Es war ein Kampf mit umgekehrten Vorzeichen, der dem anderen nicht Schmerzen, sondern höchste Lust bereiten wollte.
Irgendwann hatten sie ausgekämpft. Mit dem Rücken an die Couch gelehnt saßen sie auf dem weichen Teppich. Dunkelgolden glänzte der Cognac in ihren Gläsern. Lächelnd prosteten sie sich zu.
Es war keine Frage, dass er bleiben würde – in dieser Nacht.
Als sie am nächsten Morgen nach einer traumlosen, traumhaften Nacht erwachte, war der Platz neben ihr leer. Ihr Rufen verklang im Haus. Leise ging sie zum Bad, aber es war auch leer. Erwartungsfroh lief sie in die Küche, nichts. Im Wohnzimmer fand sie schließlich eine Notiz:
„Es tut mir so leid.
Ich hatte das alles nicht geplant.
Es hat mich überrollt.
Ich muss heim zu meiner Frau. Ich habe vor einem halben Jahr wieder geheiratet.
Versuche, mir zu verzeihen.
Es war wunderbar.“
(c) Gitta Spandau 2002