von Gitta Spandau
Vor tausend Jahren muss es gewesen sein, denke ich, aber, wenn ich das Alter meiner Tochter in Betracht ziehe, war es doch wohl viele, viele Jahre später...
Als unsere Kinder noch klein waren, fuhren wir nie in den Urlaub. Einmal hatten wir es versucht und waren dabei kläglich gescheitert. Das Wochenendhaus meines Cousins erwies sich – ohne Trinkwasser, mit Plumskloh und viel zu vielen vier- und achtbeinigen Mitbewohnern – als äußerst ungeeignet für eine Familie mit zwei kleinen Kindern, von denen das eine noch in den Windeln steckte. Gut passend für uns war lediglich der Mietpreis, nämlich Null Mark. Zwei Tage hielten wir es aus. Dann pfiffen wir auf die Ostseeluft, die unseren und den Lungen unserer Sprösslinge so gut tun sollte, packten im Schnellverfahren unsere sieben Sachen – bei zwei kleinen Kindern waren es wohl eine ganze Menge mehr – und machten uns schleunigst auf den Heimweg. Zuhause genossen wir dann unser noch relativ neues Häuschen und die gute Luft des Vogelsberges.
Eine ganze Reihe von Jahren spielten wir dann noch nicht einmal mehr mit dem Gedanken, in den Ferien weg zu fahren. Wir machten einfach Urlaub zuhause.
Doch die Kinder wurden größer und die Schulzeit begann. Da lernten unsere Süßen nicht nur das Schreiben und Lesen sondern auch, dass Familie in den Sommerferien verreist. Zu Beginn des neuen Schuljahres sollte ja etwas zum Erzählen aufzuweisen sein. So wälzten wir dann Prospekte wie viele andere Familien auch, nur ließ sich eine Übereinstimmung zwischen Wunschobjekt und eingeplantem Budget schwer herbeiführen. Aber irgendwie schafften wir es dann doch und fanden die für uns optimale Lösung. So waren wir in den Alpen, an der Nordsee und auch wieder an der Ostsee, wenn auch nicht im Wochenendhaus meines Cousins.
Doch in dem Jahr, als unsere Tochter sechzehn werden sollte, wurde alles plötzlich ganz anders. Schon viele Wochen vor ihrem Geburtstag verkündete sie: „Dieses Jahr brauche ich keinen Geburtstagswunschzettel zu schreiben. Sechzehn ist doch ein ganz besonderer Geburtstag, und da habe ich auch einen ganz besonderen Wunsch." Wir kannten ja unsere Tochter. Sie war schon oft für eine Überraschung gut gewesen.
Die elterlichen Antennen schalteten also blitzartig auf gesteigerte Aufmerksamkeit. Diese Situation war neu für uns. Wir harrten gespannt der Dinge, die da kommen würden.
„Ich wünsche mir zu meinem Geburtstag einen riesengroßen Eisbecher." Prüfender Blick in die Familienrunde. „Aber diesen Eisbecher möchte ich nicht zuhause und auch nicht in der näheren Umgebung essen." Neuer Blick aus großen , glänzenden Kulleraugen, die erfahrungsgemäß normale elterliche Gefühle dem Schmelzpunkt nahe bringen konnten. „Nun komm doch endlich auf den Punkt," brach es da aus ihrem Bruder heraus und ich schloss mich in Gedanken seiner Meinung voll an. Nach kurzem Zögern hörten wir dann folgendes: „Ich war noch nie aus Deutschland heraus, und ich möchte so gern einmal eine richtige Palme sehen. Ich würde meinen Eisbecher am liebsten in einem Straßencafe´ auf der Croisette in Cannes essen." So, nun lagen die Karten auf dem Tisch. Hilfesuchend schaute ich zu meinem Mann. Er hatte die Lage wohl besser im Griff. „Na, und?" meinte er ganz ernst. „dann lasst uns doch einmal die Fakten betrachten. Dein Geburtstag liegt in den Osterferien, das ist doch schon mal gut." Hör- und sichtbares Aufatmen bei unserer Süßen. Ein Lächeln, das an Sonnenaufgang erinnerte, verklärte ihr Gesicht.
Viel schneller als wir zu hoffen gewagt hatten, fanden wir ein Feriendomizil, direkt in Cannes. Zentrale Lage, nur etwa dreihundert Meter bis zur Croisette. Das Prospekt des Appartementhauses gefiel uns ausgesprochen gut, versprach es uns doch einen Garten mit Pool, eine Spül- und eine Kaffeemaschine in einer gut eingerichteten Küche, ein Wohnzimmer und zwei Schlafräume. Der Name des auf dem Bild sehr elegant wirkenden Hauses „Montfleury" beeindruckte uns natürlich auch. Wir schwebten auf Ferienwolken. Die Zeit bis zu unserer Abreise wollte zuerst gar nicht vergehen. Unsere Tochter las sich ein umfangreiches Wissen über die Cote d’Azur und speziell über die Gegend um Cannes an. Auch ich kam an den Büchern und Reiseführern natürlich nicht vorbei. Die Straßenkarten
für die optimale Fahrtroute hatten wir alle längst im Kopf.
Plötzlich verging die Zeit viel zu schnell. Und eines Tages saßen wir in aller Herrgottsfrühe in unserem voll gepackten Auto. Die Kinder teilten sich die Rückbank mit Kuscheltieren, Knudelkissen, Kassettenrekorder samt viel zu vielen Kassetten und einem Sammelsurium von Kleinigkeiten, die entweder nicht mehr in ihre Koffer gepasst hatten oder aber erst in letzter Sekunde für unbedingt mitnehmenswert erklärt worden waren.
Zwar etwas müde der frühen Stunde wegen, aber voller guter Laune und in bester Ferienstimmung ließen wir unser Heimatstädtchen hinter uns. Gegen acht Uhr morgens hörten wir an der französischen Grenze unser erstes „Bon jour". Nach einem fröhlichen „Bon voyage" eines charmanten französischen Grenzbeamten klang unser erstes französische „Au revoir, Monsieur", zwar noch etwas unsicher, aber nicht weniger fröhlich. Wir waren in Frankreich. Zunächst wurde es ganz still im Auto. Gespanntes Aufnehmen der Landschaft um uns herum. „Sieht alles genau so aus wie bei uns", kam es nach einiger Zeit von der Rückbank und das Klicken des Schalters am Kassettenrekorder unterstrich die Bemerkung. „C’est la vie", ging es mir da so durch den Kopf. Kilometer um Kilometer, Stunde um Stunde fuhren wir dahin. Die Temperaturanzeigen am Rande der Autobahn stiegen beständig. Auch bei uns im Auto wurde es deutlich wärmer. Wir hatten schon einmal eine Pause gemacht aus biologischen Gründen und uns über die französischen Toiletten amüsiert und gewundert. Wir hatten natürlich schon davon gehört, aber Theorie und Praxis sind halt zwei verschiedene Schuhe. Unsere Süße konnte sich gar nicht einkriegen vor Begeisterung. Sehr gewöhnungsbedürftig fand auch ich sie, vor allem wenn Frau lange Hosen anhat. Irgendwie fehlt einem da eine dritte Hand. Die Zeit, da Frauen Hosen tragen, ist wohl noch zu kurz. Dieses Problem löste sich dann ganz von selbst, denn während der Pause hatten wir uns schon eines Teils unserer Bekleidung entledigt. Wir Frauen hatten längst unsere Jeans durch leichte Röcke ersetzt.
Die Rastplätze an den französischen Autobahnen heißen „Pique-nique" und sind meistens sehr gepflegt und urgemütlich. Wir hatten längst die L’Auto-Route-du–Soleil, die Autobahn, die geradewegs nach Süden führt, erreicht. Schon ein paar Mal hatten wir Autobahngebühren bezahlt, und jedes Mal hatten wir gestaunt wie reibungslos die Autos an den Zahlstellen sich zusammenknäuelten und sich dann wieder problemlos entwirrten, um sich in die Fahrbahnen der Autobahn einzuordnen, kein Stau, kein Stress, aber in rasantem Tempo.
Inzwischen war es fast Mittag geworden. Unsere Mägen bestanden auf ihrem Recht, und die Kühltasche mit unserer Verpflegung lockte. Wir waren unmittelbar vor Lyon, als wir beschlossen, den Tunnel, der laut Aussage von Bekannten nicht so ohne sein sollte, noch hinter uns zu bringen und dann den nächsten Pique-nique anzusteuern. Die Tunneldurchfahrt verlief glatt und der nächste Rastplatz war ganz besonders schön angelegt. Wir suchten uns einen Tisch mit Bänken unter einem großen Baum, holten unsere Kühlbox aus dem Kofferraum und ließen es uns so richtig gut gehen. Nach einer Runde über den Platz und dem unvermeidlichen Amüsement in dem Toilettenhäuschen machten wir uns wieder auf den Weg. Immerhin lag noch eine ganz schöne Strecke vor uns.
Unsere Familienkarosse schnurrte weiter brav gen Süden. Je weiter wir von zu Hause wegkamen, um so heißer wurde es im Inneren unseres Autos. „ Eine Klimaanlage wäre jetzt gar nicht übel", träumte ich so vor mich hin und wischte mir dabei die Schweißperlen vom Gesicht. Dabei stellte ich mir vor wie schön es jetzt wohl auf der Terrasse unseres Hauses sein könnte. Sicher, eine dicke Strickjacke und eine Wolldecke würde ich dann schon brauchen in unserem Vogelsbergklima. Und unweigerlich kam mir die Frage, warum sich die Menschen eigentlich solche Mühsale auferlegten, um Urlaub zu machen. Oder haben alle solche guten Gründe wie wir? Der Stress des Kofferpackens der letzten Tage und die Angst irgendetwas ganz Wichtiges zu vergessen stand wieder vor meinem geistigen Auge. In der flirrenden Hitze über dem Asphalt unserer Fahrbahn türmten sich plötzlich riesige Berge schmutziger Wäsche und meine Waschmaschine erklärte mir kalt lächelnd, dass sie diese Massen bestreike. „Na, Nickerchen beendet, "hörte ich da die Stimme meines Schatzes neben mir. Ich lächelte ihm mit einer guten Portion schlechten Gewissens zu, saß er doch ohne die geringste Klage nun schon seit Stunden hinter dem Lenkrad. „Guck mal nach hinten," flüsterte er mir zu. „So fährt es sich wunderbar". Unsere Beiden hatten sich, jeder in einer Ecke zusammengerollt und schliefen fest. Orange und Avignon hatten wir schon hinter uns gelassen und bis Aix-en-Provence war es nicht mehr weit. Kurz darauf hatten wir auch dann das Autobahnkreuz erreicht und fädelten uns in die Spur zur Cote-d’Azur hin ein. Die Autobahn führte uns durch gebirgige Gegenden, deren Vegetation sich vollkommen von der unseres Vogelsberges unterschied. Ich genoss das Neue, das Ungewohnte und mit dem Reiseziel in nicht allzu weiter Ferne fühlte ich mich wunderbar. „Wo sind wir denn?", klang es da von hinten. „Am Mittelmeer, na ja ein bisschen nördlich der Küste ist es schon". Zufriedenes Gemurmel von der Rückbank. „Nun möchte ich aber doch gern endlich das Mittelmeer sehen", maulte unsere Große nach einiger Zeit. „Ich glaub’‚ihr habt euch verfahren".
Aber dem war ganz und gar nicht so. Ich war immer noch fasziniert von dem Gedanken, so nah der belebten Küste zu sein und dabei hier durch die einsame, wild zerklüftete Gebirgslandschaft mit ihren bizarren Felsformationen zu fahren. Ein Blick in mein schlaues Buch sagte mir, dass wir uns im Massif de l’Estérel befanden, und dass es gar nicht lange dauern könne, bis sich uns das Mittelmeer zeigen würde. Genau so war es auch. Kurz darauf ein Schrei des Entzückens unserer Tochter. „Guckt doch mal, da ist es!" Wir steuerten den nächstmöglichen Haltepunkt an, um die Herrlichkeit des sich bietenden Anblicks genießen zu können. Steil fielen die roten Felsen zum Meer hin ab. Es waren wohl einige hundert Meter, die es da hinunterging, und unten die belebte Küste mit Sand, Strand, Menschen Häusern und Palmen, wohin man schaute und besonders entlang der recht belebten Küstenstraße. In der Ferne sahen wir Cannes in der Sonne liegen.
Nur ein paar Kurven weiter erreichten wir dann auch ein Straßenschild, das uns den Weg nach Cannes wies. Langsam, um die schöne Aussicht und die Freude des Angekommenseins genießen zu können, näherten wir uns unserem Ferienziel, zwar mit ein wenig Grummeln im Bauch, wussten wir doch nicht, wie wir „unser Montfleury" finden sollten. Eine recht großzügige Wegbeschreibung hatte man uns zwar geschickt, aber Theorie und Praxis....
Wir landeten auf einer stark befahrenen, vierspurigen Straße, die wir später als die Croisette identifizierten. Im Nu schwammen wir im Fluss der vielen Autos mit. „Schau doch mal da drüben", klang es da ganz fröhlich von hinten, „seht ihr das riesengroße Schild zu unserem Montfleury!" Mein Schatz hatte es längst gesehen, denn der Blinker zum Linksabbiegen lief bereits. Doch nun hätten wir nach deutschen Verhältnissen Probleme gehabt. Ich konnte mir gut vorstellen, was im Kopf meines „Fahrers" vor sich ging „Ich bin auf der rechten Fahrspur, muss aber in die linke wechseln, um dann die beiden entgegenkommenden Fahrbahnen zu kreuzen." Keine Ampel weit und breit, und der Verkehr braust uns entgegen." Unser Sohn hatte seinen Kommentar über die Menschen, die auf der anderen Straßenseite geboren sein mussten noch nicht zu Ende von sich gegeben, da hielten die Autos neben uns an, und wir kamen bis zur Straßenmitte. Nun standen wir da. Fast wie durch ein Wunder hielten nun auch die uns entgegenkommenden Fahrzeuge. Die dahinter fahrenden Autos stoppten auch wie selbstverständlich. Kein Hupkonzert, keine mürrischen Gesichter. Ein charmantes Lächeln verbunden mit einer eleganten Handbewegung bedeutete uns, dass wir die Straße überqueren könnten. Wir wussten gar nicht, wie uns geschah. Erleichtert, dankbar und glücklich winkten wir zurück.
Wenn ich mich so erinnere, glaube ich, dass dieses Erlebnis der Schlüssel zu unserer großen Liebe und Begeisterung für dieses Land und seine Bewohner war.
Der Weg zu unserer Residence war nun leicht zu finden. Als wir vor dem Gebäudekomplex unser Auto zum Stehen brachten, war es im Wageninneren erst mal ganz still. Dann durchbrach ein bewunderungsträchtiges „Ahhhh," unserer Tochter das fast andächtige Schweigen. Nachdem wir uns etwas erholt hatten, vergewisserten wir uns anhand unserer Buchungsunterlagen, ob wir hier auch wirklich „hingehörten". Doch alles schien in Ordnung.
Nach einer kurzen Lagebesprechung gingen unsere Süße und ich durch den schon recht eindrucksvollen Eingang des Hotels ins Innere. Angenehme Kühle und gedämpftes Licht umfing uns. Als sich unsere Augen an das Licht gewöhnt hatten, hielten wir zuerst einmal die Luft an. Eine große Hotelhalle, elegant und teuer eingerichtet, dicke Teppiche auf feinen Fliesen, bequeme Sitzgruppen, Statuen auf Podesten, von der Decke schwebte ein Kristallleuchter, in dem sich die wenigen Sonnenstrahlen widerspiegelten, denen man den Zutritt erlaubt hatte. Vor uns die Rezeption ausladend einladend, aus hoch poliertem dunklen Holz.
Wir schauten uns an mit einem Blick, der mehr als Bände gesprochen haben musste. Als dann noch wie aus dem Nichts ein elegant gekleideter Herr auftauchte mit einem Lächeln über einem kleinen schmalen Schnurrbärtchen, waren wir fast sprachlos. „Bonjour, Madame, Bonjour, Mademoiselle", lächelte er uns an. „Was kahn isch für Sie tun?" Meine Tochter fand schneller ihre Sprache wieder. „Bonjour, Monsieur", zirpte sie mit dem süßesten Lächeln, das sie auf Lager hatte. Ich breitete meine Buchungsunterlagen vor seiner „Herrlichkeit" aus und erklärte ganz lapidar, dass wir unseren Urlaub im Montfleury gebucht hätten. Ein Blick auf unsere Papiere, wieder das Lächeln . „Pardon, Madame, ier ist das Otel. Sie aben aber in unserem Appartmentteil gebucht. Um die Ecke, s’il vous plait, Madame". Lächel, lächel. Rufen nach Jaques, und weg war er.
Jaques war ein Original. Wir hatten gar nicht gesehen, wo er hergekommen war. Er stand plötzlich vor uns, strahlte uns an, legte zwei Finger an sein Käppi, deutete eine Verbeugung an, kombiniert mit einem Kratzfuß. „Jaques", stellte er sich vor. Ich werde Ihnen elfen ,eute und immer. Erzlich willkommen im Montfleury".
Jaques begleitet uns vor die Eingangstür. Er hatte sofort unser Auto und meine beiden Männer entdeckt, lachend und mit viel Gestik ging er auf sie zu. Begrüßung ähnlich wie vorher bei uns. „Sicher wollen Sie zuerst ihr französisches Eim ansehen, "kauderwelschte er in einer Mischung aus Englisch, Französisch und Deutsch. Unsere Sprachmischung war genau so gelagert. Wir verstanden uns großartig, sprachlich und menschlich.
Wir wurden tatsächlich durch eine parkartige Gartenanlage um die Ecke des Hotels geleitet. Wir betraten den Appartementtrakt und befanden uns in einer sehr gemütlich eingerichteten Wohndiele, die südfranzösisches Flair vermittelte. Unsere Wohnung lag im ersten Stock. Jaques schloss die Tür auf. „Voila´", strahlte er uns an und wartete auf unsere Begeisterungsäußerung. Die kam auch postwendend. Er komplimentierte uns auf den Balkon hinaus und zeigte uns den in voller Frühlingsblüte stehenden Garten mit dem Pool und seinen Anlagen. Weiße Liegen mit dicken Auflagen, kleinen Tischchen, Sonnenschirmen. „Das ist ja genialsupergut", quoll es da aus unserer Maus heraus. „Ich glaub, ich bin im Kino!" Jaques quittierte das Glücklichsein unserer Tochter mit einem verständnisvollen Blick. „Ich habe auch eine Tochter", sagte er stolz. „Sie war sechzehn vor ein paar Wochen". Ich schaute
in seine Augen, und wir fühlten uns irgendwie verbunden.
Mein Mann und ich waren zurück ins Wohnzimmer gegangen und entdeckten die Aussicht, die wir durch das Panoramafenster hatten. Wir schauten auf die grünen Hänge und Hügel des Massif de l’Estérel. Wir spürten förmlich den Duft der Blüten und Gräser . Mein Schatz hatte den Arm um mich gelegt, und wir verloren uns in dem Zauber der Landschaft . Wir hatten gar nicht bemerkt, wie es still hinter uns geworden war. Doch bald hörten wir das fröhliche Lachen unserer Kinder, vermischt mit dem von Jaques. Sie waren dabei, unser Gepäck aus dem Auto heraufzuholen.
Kurz darauf gingen wir hinunter, um unsere Familienkarosse in ihr Quartier zu schaffen. Neben dem Hoteleingang führte eine gut angelegte Fahrspur gesäumt von Büschen und Bäumen zu einem großen Garagentor. Jaques hatte es bereits geöffnet. Wir gelangten in eine große Tiefgarage. Jaques wies uns unseren Parkplatz zu und verschwand, nachdem er uns nochmals einen wunderschönen Aufenthalt gewünscht und uns einen Tipp für ein gutes Restaurant gegeben hatte. Wir sahen uns in der Garage um, und unser Sohn fragte grinsend, ob unser Opel wohl zum Schlafen kommen würde in dieser Nacht. Rechts ein dickes Mercedescabriolet, links ein Rolls und gegenüber Autos, die wohl mehr ein Vermögen auf vier Rädern darstellten als ein Fortbewegungsmittel. „Sicher schämt sich unser guter Opel in dieser vornehmen Nachbarschaft," kommentierte unsere Tochter im Brustton tiefster Über-zeugung, und der Schalk lachte ihr aus den Augen. Ein Stückchen weiter erblickten wir einen Käfer, und um die Ecke sahen wir dann eine Ente, provokant und erhaben. Ein Widerspruch in sich, eine Ente eben, vom Aussterben bedroht. Ich lächelte ihr zu. Zu hause hatte ich selbst eine. Die chromblitzenden, auf Hochglanz polierten Karossen beeindruckten uns aber doch ganz schön. „ So viele Superschlitten auf einem Haufen. Die „Knete" würde ich nehmen," schoss es mir da durch den Kopf, aber wirklich nur ein Gedankenblitz, und schon war er wie-der weg, denn glücklicher als im Moment konnte mich alles Geld dieser Welt nicht machen.
Zum Abend hin, nach ein bisschen Ausruhen und Frischmachen gingen wir dann auf die Suche nach Jaques’ Restaurant. Seine Wegbeschreibung war wirklich gut. Wir fanden es ganz leicht. Von Außen sah es schon sehr einladend aus, doch das Innere übertraf noch unsere Erwartungen bei Weitem, französisch eben, Gemütlichkeit gepaart mit einem Spritzer Nonchalance, genau im richtigen Verhältnis. Wir nahmen Platz und fühlten uns wohl. Die Speisekarten wurden gebracht und nun begann das große Abenteuer. So gut war unser französisch nun halt doch nicht. „Bei dem Menü mit den Steaks im Hauptgang kann nichts groß daneben gehen", beschlossen wir. Meine Lieben erkoren mich zu derjenigen, die der Landessprache am mächtigsten sei und schoben mir so die Aufgabe der Bestellung zu, denn der Ober hatte durchaus den Eindruck erweckt, nur französisch zu sprechen. Ich übersprang - eigentlich war es ein mühsames Hinüberklettern - meine Sprachhemmschwelle und rade-brechte in meinem besten Schulfranzösisch unsere Bestellung. Der Ober schien mich auch ganz gut zu verstehen, was meinem Ego natürlich sehr gefiel. Doch als es darum ging, wie die Steaks für die einzelnen gebraten sein sollten, wiederholte er meine Angaben in fließendem Deutsch. Ich war sauer. Ich hielt mit meinem Ärger natürlich auch nicht hinter dem Berg und beschwerte mich. Voller Charme und Nationalstolz baute er sich vor mir auf, wurde groß und größer: „Aber Madam, Sie sind hier in Frankreich!" Eine Verbeugung, ein Schwenken seiner schneeweißen Serviette, und weg war er. Wir haben selten so gut gegessen.
An den folgenden Tagen absolvierten wir unser geplantes Programm. Wir erwanderten, eroberten und erforschten Cannes bei Tag und bei Nacht. Wir fuhren nach St-Tropez, erklommen die Altstadtgässchen und ließen uns danach in einem der berühmten Bistros im noch berühmteren Hafen zu einem Café-au-lait nieder. Wir bestaunten zwar die großen Luxusyachten, gingen dann aber neidlos zu unserem Auto zurück, um in unser Montfeury zu fahren. Nach einem Faulenztag, an dem wir uns an unserem Hotelpool verwöhnen ließen, hakten wir dann auch Monaco und den Grimaldi-Pallast ab. Die Rückfahrt durch Nizza ist mir ziemlich albtraummäßig in Erinnerung. Stau durch die ganze Stadt, nirgendwo ein Parkplatz.
Schneller als uns lieb war, kam der Vorabend des Geburtstages unserer Tochter heran. Sie hatte sich natürlich längst bei einem unserer vielen Spaziergänge durch Cannes „ihr" Lokal ausgesucht. Die Vorbreitungen für diesen Abend waren ziemlich ausführlich, gemessen an der Dauer der Badezimmerblockade. Doch als wir zum Abmarsch bereit waren, fand ich meine Familie zum Verlieben schön. Strahlende, aufgeregte Gesichter und unten drunter die allerbesten Urlaubsklamotten. Meine Handtasche war ziemlich dick und schwer. Ein paar kleine Geschenke hatte ich natürlich von zu Hause mitgenommen. Die Hosentasche unseres Jüngsten sah auch verdächtig ausgebeult aus.
Um 23.30 Uhr saßen wir dann im auserwählten Eiscafé unserer Tochter. Punkt 24 Uhr stießen wir mit riesengroßen Eisbechern auf unser Geburtstagskind an. Als ich sie in die Arme nahm und „Alles okay?" in ihr Ohr flüsterte, war sie dem Weinen näher als dem Lachen vor lauter Glück. Die Geschenke, mit denen sie wohl nur ein ganz kleines bisschen gerechnet hatte und der wahr gewordene Wunschtraum ließen sie fast abheben.
Die Nacht war ziemlich kurz. Leider war der Geburtstag unser letzter Tag in Cannes. So stand er unter einem recht zwiespältigen Stern. Wir gingen zum letzten Mal los zu einem ausgiebigen Bummel durch die Stadt. Wir besuchten noch einmal all die Plätze und Eckchen, die uns besonders gut gefallen hatten und entdeckten immer noch neue Stellen, an denen wir noch nicht gewesen waren. Wir waren voller Wehmut und Abschiedsschmerz. Doch es nützte ja alles nichts, und so trabten wir zurück zu unserem Montfleury. Kofferpacken war nun angesagt.
Den letzten Abend begingen wir dann in dem Restaurant, in dem wir am ersten Abend waren. Wir waren zwischenzeitlich schon ein paar Mal dort gewesen, der Ober hatte uns jedes Mal mit ausgesprochener Liebenswürdigkeit bedient. Auch an diesem Abend servierte er uns ein köstliches Mahl. Doch diesmal schmeckte es uns lange nicht so gut wie an den anderen Abenden, und das lag gewiss nicht an dem Essen. Beim Abschied wünschte er uns „Bon voyage" und fügte dann mit einem verschmitzten Lächeln auf Deutsch hinzu: „Wir werden uns bestimmt einmal wieder sehen. Sie aben Frankreich lieben gelernt." Er hat den Nagel voll auf den Kopf getroffen.
Am nächsten Morgen starteten wir in Richtung Heimat natürlich nicht ohne große Verabschiedungszeremonie durch Jaques. Auch der elegante Monsieur von der eleganten Rezeption des Hotels hob seine Hand zu einem formvollendeten Winken bei unserer Abfahrt. „Frankreich wir kommen wieder!" sang unsere Tochter auf der Rückbank. Und wie recht sie hatte.
(c) Gitta Spandau, Februar 2001