von Gitta Spandau
Heinzchen saß auf einem dicken Ast . Sein Rücken lehnte an dem kräftigen Stamm des alten Nussbaumes, der selbst für Heinzchens Füße bequeme Abstellmöglichkeiten bot.
Heinzchen liebte seinen „Ausguck“. Mit zufriedenem Gesicht saß er da und keiner wusste, was der kleine Junge dort oben vor hatte. „Heinzchen träumt Löcher in die Welt,“ pflegte sein Vater zu sagen, wenn er zu seinem kleinen Sohn hinaufblickte, und irgendwie hatte man das Gefühl, dass er manchmal auch gern dort sitzen würde, um seine Gedanken ebenso auf die Reise zu schicken. Wovon Heinzchen dort oben träumte , worüber er nachdachte, was er in seiner Phantasie erschuf, ist auch heute noch sein Geheimnis.
Das Knarren einer Tür klang vom Nachbarhof herüber. Sofort hatten Heinzchens Augen ein Ziel. Gespannt blickten sie hinüber. Wie auf einen geheimen Befehl schickte er sich kurz darauf an, seinen Platz in luftiger Höhe zu verlassen.
„Wo ist denn nur der Junge wieder abgeblieben?“ fragte seine Großmutter einige Zeit später. „Im Nussbaum hab ich schon nachgesehen, hinten im Garten und auch im Kinderzimmer. Wo steckt der kleine Kerl nur? Langsam mache ich mir doch Sorgen. Wenn er nicht bald auftaucht, musst du ihn suchen gehen“, seufzte sie und sah dabei liebevoll ihre zehnjährige Enkelin an.
Seit ihre Tochter vor noch gar nicht langer Zeit in den Wirren der letzten Kriegswochen umgekommen war, man ihnen dann auch noch die Heimat und alles was sie besaßen genommen hatte, lastete die Verantwortung und die Sorge um ihre Enkelkinder schwer auf ihren Schultern. Ihr Schwiegersohn, der seine Kinder zwar zärtlich liebte, war für den „Alltagskram“, wie er die Versorgung seiner Kinder nannte, ziemlich ungeeignet und hatte so die Schwiegermutter in die Rolle der Hausfrau und Ersatzmutter hineingedrängt. Sie trug schwer an dieser Last, doch die Liebe zu ihrer Familie gab ihr immer wieder neue Kraft.
Die große Schwester hatte noch eine ganze Weile an ihren Hausaufgaben weitergearbeitet bis die Großmutter den direkten Befehl gab zur Suche nach dem „Kleinen“ . Doch gerade in diesem Augenblick spazierte der Vermisste zur Küchentür herein. Er wusste genau, was jetzt auf ihn wartete: eine Schimpftirade, weil er so lange weggeblieben war und dann die Vorhaltungen, weil er so einen strengen Geruch verströmte.
Gleich würde er seine Kleider ausziehen müssen. Der großen Wasserkessel auf dem Herd, in dem fast nie das Feuer ausging, summte schon beängstigend heiß vor sich hin. Die alte Zinkwanne aus der Abstellkammer würde herübergeholt werden und dann würde ihn die Oma von Kopf bis Fuß mit ihrer selbstgekochten Seife abschrubben. Wie er das hasste! Er fand doch gar nicht, dass er schlimm roch.
Trotz der Prozedur würde er aber bald wieder in Nachbars Kuhstall schleichen, sich in die Futterkrippe zur Lisa setzen, ganz nah, damit seine Ärmchen um ihren Hals reichten, seinen Kopf an ihr weiches Fell legen, die Wärme der Kuh spüren, auf ihren Atem hören und sich einfach gut fühlen.
(c) Gitta Spandau, Mai 2001