Das Regenhäubchen

 

von Gitta Spandau

 

Männer und Frauen gehören der gleichen Spezies an. Außer dieser Tatsache haben sie nur wenige, kaum nennenswerte Gemeinsamkeiten. Sie leben in verschiedenen Welten. Sie haben andere Vorlieben. Sie haben andere Wertvorstellungen. Sie folgen anderen für sie logischen Gesetzmäßigkeiten.

 

 Männer waren biblisch gesehen der Prototyp des Menschen. Es ist aber nicht zu übersehen, dass mit der Erschaffung der Frau der Prototyp verbessert wurde - und das nicht nur äußerlich.

Männer denken anders wie Frauen. Das ist wissenschaftlich ausgiebig erforscht und bewiesen worden. Die Gehirnfunktionen der Frauen sind vielfältiger, bedingt durch den anderen Aufbau ihres Gehirns.

Eine Frau kann auf ihre Kinder aufpassen, dabei kochen oder bügeln und gleichzeitig mit ihrer besten Freundin telefonieren. Ihr Wahrnehmungsvermögen ist ausgeprägter und bedeutend schneller.

Betritt eine Frau einen Raum, in dem sich viele Menschen befinden, kann sie in kürzester Zeit ausmachen, wo sich ihre beste Freundin und ihre bösartigste Feindin befinden und dabei registrieren, ob das Kleid, das sie tragen ihnen steht, ob es teuer oder billig war, ob sie sich darin wohl fühlen und ob sie selbst das eine oder andere eventuell gern auch tragen würde; gleichzeitig kann sie verführerisch lächelnd den Gastgeber begrüßen und dessen Begleiterin Komplimente über ihr gutes Aussehen machen.

Eine Frau weiß genau, welches das Lieblingshemd ihres Partners ist, welche Hose er gern anzieht und welche nicht und welches seine bequemsten Schuhe sind. Welcher Mann kann das schon von seiner Frau sagen? Gibt es ihn überhaupt? Frauen sind von Natur aus fürsorglich. Sie sind auf das Wohlergehen ihrer Lieben bedacht und nehmen deshalb auch die kleinsten Dinge wahr und registrieren sie fast unbewusst, so dass sie sie zu gegebener Zeit problemlos abrufen können. Frauen können gut Schmerzen ertragen, sowohl körperliche als auch seelische. Und kommt es darauf an, sind sie sehr stark im Nehmen.

Die folgende Geschichte, die fast wahrheitsgetreu wiedergegeben wird, kann obige Thesen nur unterstützen.

 

 Ich war einkaufen, nicht durch Läden schlendern und gucken, was es so gibt, nein, - so richtig arbeitsmäßig einkaufen. Einkaufen im Supermarkt mit einer Liste, die gut und gern einen halben Meter lang war. Ich hatte mich, wie fast immer, in der Zeit verkalkuliert, um es deutlich aus zu sprechen, ich war in Eile. Bepackt mit Einkaufstaschen und einigen Tüten hatte ich es bis in den Windfang des Supermarktes geschafft. Der Regen, der gegen die automatischen Schiebetüren klatschte, beeinflusste  meine Laune nicht unbedingt positiv, denn ich wusste, dass sich mein Schirm ganz unten in meiner großen Einkaufstasche befand.

Als ich so vor meiner Tasche hockte und nach dem Schirm wühlte, zog ein nicht mehr ganz junges Paar meine Aufmerksamkeit auf magische Art und Weise auf sich.

Beide konnten den Senioren zugerechnet werden. Er trug zwar nicht seinen Sonntagsstaat, aber es war erkennbar, dass er sich gut angezogen hatte, wenn ihm sein Outfit auch wahrscheinlich schon einige Jahre treu gedient hatte. Groß und schlank – eher dünn - machte er mit seinen grauen Haaren, die sich nur am Hinterkopf ein bisschen rar gemacht hatten, durchaus eine gute Figur. Die Frau an seiner Seite reichte ihm gut bis zur Schulter. Ihre dunkelblonden Haare waren modisch kurz geschnitten und die helleren Strähnchen darin waren wohl eingearbeitet worden, um die „Grauen“ zu tarnen. Ihr roter Anorak war von zeitloser Sportlichkeit, eben so die schwarzen Jeans und die schwarzen Stiefeletten. Über ihre linke Schulter hatte sie ihre Handtasche gehängt, die sie zusätzlich fest unter ihrem Arm eingeklemmt hatte. In der anderen Hand trug sie zwei voll gepackte Einkaufstüten.

 

Meinen Schirm hatte ich ausgegraben, und eigentlich hätte ich eiligst zu meinem Auto gehen sollen, aber das Paar vor mir hatte mich in seinen Bann gezogen. Als sie dann anfingen zu sprechen, hatte ich alle Eile vollkommen vergessen.

 

 „Kall, guck doch amol wies ränt“, hörte ich sie sagen und der Gesichtsausdruck mit dem sie „Kall“ anschaute bestand aus Fürsorglichkeit, der eine gewisse Neugier beigemischt war.

„Aich seh`s doch Heddwich, aich sei doch nett blind“, war seine lakonische Antwort. „Jo un nu?“ fragend sah Heddwich den Kall an.  „Wo hoste da dein Scherm?“ „Ach, Fra, dou koost fräche. Dou wäst doch, dass aich die Musspritz

gor nett gern mit mr arim schlepp. Dahem o de Flurgadrob hängt se, wo se immr hängt.“

 „Do hängt se jetz ach goud“,  meinte Heddwich missbilligend. „On wei soll´s nu weidergieh? Trätschnass  werschte, un meue hoste werre de Erkälting un aich ho de Schaff“

„Ei jo“, war der einzige Kommentar, der zu hören war. Doch dann blitzte es in seinen Augen auf. „ Abr dou host doch dein Scherm in de Dasch. Dou schleppst des Däng doch alleweil mit de arim, ob de Sonn scheint orre nett, ob´s ränt orre nett. Do kannste´s jetz ach amol gebrache. Pack´s doch endlich aus, des Däng.“

 Heddwich sah verdutzt zu ihm auf. „Mer Zwe unner em Scherm, das bringt bei dem Räche gewiss gor naut.“

„So hot aich dos ach nett gedoacht“, antwortete Kall ganz banal.

„Aich wees doch, doss de ach dei Rächekäppche in de Dasch host. Dou dust dei Käppche off, un aich nemm de Scherm. Un alles is goud.  Host jo doch kie Haand free bei deine Dutte.“

 

 Heddwich guckte ganz ungläubig auf zu ihrem Ehemann, denn nur das konnte er sein, das war mir in den letzten Minuten klar geworden. Doch dann ging ein feines Lächeln über ihr Gesicht und ein fast unhörbares „ach, Kall“ stahl sich über ihre Lippen. Wortlos kramte sie Schirm und Regenhaube aus ihrer Handtasche hervor.

Die Schiebetür öffnete sich, er mit Schirm und sie mit Regenhaube, in jeder Hand eine Einkaufstüte, so gingen sie hinaus in den Regen.

„Hoffentlich steht ihr Auto nicht gar so weit weg“, dachte ich kopfschüttelnd, als auch ich durch den Regen zu meinem Auto lief.

 

 Auf dem Heimweg ging mir so manches durch den Kopf. „Warum hat „sie“ so und nicht irgendwie anders reagiert? Fragte ich mich immer wieder. Zuerst war ich ärgerlich auf sie. Doch kurz bevor ich in „unsere“ Straße einbog, war mir Vieles klar geworden. Mein Ärger schlug in Bewunderung um. Sie handelte aus ihrem Frau-Sein heraus - mit Einfühlungsvermögen, Rücksicht, Umsicht und Weitblick. Liebe?

Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich auch so hätte handeln können.

Januar 2005