von Gitta Spandau
Senioren sind eine ganz bestimmte Spezies der Rasse Mensch. Teilt sich das Leben ein in Aufbau, Erarbeitung des Status und schließlich wieder Abbau, so finden sich diese Menschen im letzten Drittel angesiedelt.
Mit der Kindheit und Jugendzeit verbinden sie nur noch sehr schöne oder sehr schlimme Erinnerungen. Glücklicherweise überwiegen meistens die schönen. Je weiter das Alter fortschreitet, umso goldener werden die guten Erlebnisse. Sie überstrahlen die schlimmen und decken sie mit dem sanften Mantel des Vergessens, während sie selbst hell leuchten im Zauberlicht der Nostalgie.
Der Kampf zur Erreichung des Status ist immer hart. Er ist geprägt von Entbehrung, dem Zwang ungewollte Prioritäten zu setzen, von Stress und Frust, von Rücksichtsnahme auf den Chef, die ranghöheren Kollegen, die Aufzucht der eigenen Nachkommen, der Notwendigkeit sich ein Heim zu schaffen.
Ist das angestrebte Berufsziel schließlich erreicht, die Kinder aus dem Haus und auf einem zufrieden stellenden Weg, hat der Mensch seinen Höhepunkt erreicht. Mit etwas Glück kann er sich nun ein paar Jahre auf seinen Lorbeeren ausruhen. Es sei denn der Ehrgeiz – sowohl sein eigener oder der seines Lebenspartners - gönnen ihm diese Jahre nicht. Nun, dann ackert er weiter bis er im günstigen Falle aus Altersgründen mit dem Ackern aufhören muss – zumindest auf diesem Gebiet.
Die Seniorengruppe, von der hier die Rede sein wird, hat alles hinter sich. Sie hat Kindheits- und Jugenderinnerungen verinnerlicht, und entsprechend ihrem persönlichen Stellenwert vergoldet oder verdrängt. Sie hat das Arbeitsleben abgeschlossen und sich nun in der dritten Lebensphase etabliert. Was für diese Menschen zählt, ist die momentane Befriedigung ihrer Wünsche, das Nachholen von Dingen, für die früher keine Zeit war.
Reisen wird in ihrem Wunschkatalog ganz groß geschrieben. Reisen, bei denen sich andere um die widrigen Begleitumstände kümmern, stehen hoch im Kurs. „Seniorenreisen“ heißt hier das Zauberwort. Gern angenommen, aber nicht allzu gern gehört.
Mein Name ist Hermine Schulze-Birkenbach. Ich bin eine Seniorin mit allem, was dazugehört. Meine Haare haben schon lange nicht mehr ihre natürliche Farbe. Die Falten in meinem Gesicht sind schon lange keine Lachfältchen mehr. Sie graben sich immer tiefer ein, von mal zu, wenn ich in den Spiegel schaue. Ich habe ihnen zwar den Kampf angesagt, aber es ist wohl nur noch eine Formsache. Ich weiß, dass ich verlieren muss. Es ziept mal hier und mal da. „Wenn Sie morgens aufwachen, und es tut Ihnen nichts mehr weh, dann sind Sie tot“, hat der Arzt zu mir gesagt. Nun denn.
Ich habe mein Arbeitsleben abgeschlossen und mich in der dritte Lebensphase eingewöhnt. Ich finde mich inzwischen ganz gut darin zurecht, wären da nicht die durch innere oder durch äußere Einwirkungen ausgelösten Momente, in denen mir schmerzlich klar wird, dass ich tatsächlich hier angelangt bin. Die Sehnsucht nach meinem früheren Beruf überkommt mich nur noch dann und wann, aber immer öfter erlebe ich die Erleichterung, „da“ nicht mehr hin zu müssen.
Ich freute mich schon lange auf eine neue Seniorenreise. Endlich war der Tag da.
Morgens um Drei traf sich unsere Gruppe zum Start dieser Reise. Von muffeligem Unausgeschlafensein konnte man nichts spüren. Die Koffer hatte man gepackt und damit seinen Beitrag geleistet, nun wartete man nur noch auf das Vergnügen. Jetzt brannte es einfach nur in den Reiseschuhen. Fröhliche Begrüßungsworte flogen hin und her.
Der Reiseleiter, unser „Chef “, war gut drauf, trotz der frühen Stunde und der Bürde der Verantwortung, die auf seinen Schultern lastete, aber er war eigentlich immer gut drauf, auch wenn ihn seine Bandscheibe plagte. Seine Ehefrau stand ihm hilfreich zur Seite und löste Probleme, die scheinbar unlösbar waren, versorgte und betreute Senioren, denen es nicht so gut ging und hatte ein offenes Ohr für echte und eingebildete Schwierigkeiten. Genau aus diesem Grund reisten die Senioren immer wieder gern und mit steigender Zahl mit.
Auf die Minute genau rollte der Bus in Richtung Flughafen davon. Kurz vor Abfahrt stellte ein Reisender fest, dass er sein Handgepäck zu Hause vergessen hatte. An sich kein so schwerwiegendes Problem, wäre da nicht die Medikamententasche gewesen, - ein für Senioren äußerst wichtiges Reiseutensil, - die sich darin befand. Nun, es gibt Taxis, und es gibt Handys. Taxis fahren schneller als Busse. Auf einem Rastplatz auf halber Strecke konnte der nun etwas angegriffen wirkende Mitreisende seine Handgepäckstasche in Empfang nehmen. Jubel bei den Mitreisenden, Problem gelöst.
Als sich die Lichter des Flughafens durch die klamme Dunkelheit zwängten, die noch dazu mit Nieselregen angereichert war, breitete sich eine spürbare Erregung im Bus aus. Unnatürlich lautes Lachen und emsiges Kramen im Handgepäck, und so mancher wird sich gefragt haben, ob er nicht doch etwas Unerlaubtes in diesem mit sich führte. Die Kontrollen auf dem Flughafen waren – bedingt durch die Angst vor Terroranschlägen – ziemlich verstärkt worden. Wir waren dahingehend gut informiert, aber welcher Senior traut seinem Gedächtnis ganz so wie früher.
Das Einchecken der Koffer war schnell vorbei. Nun kamen noch die Sicherheitskontrollen. Einige erwischte es da schon. Sie hatten nicht daran gedacht, dass die Nagelschere oder der Rasierapparat in den Koffer und nicht ins Handgepäck gehörte. Doch diese kleinen Marlörchen konnten schnell behoben werden, und es blieb immer noch genügend Zeit für die wohlverdiente Tasse Kaffee, denn inzwischen war es Tag geworden. Die meisten von uns hatten es sich in einer der vielen Gaststätten bequem gemacht und warteten mehr oder weniger aufgeregt auf das An-Bordgehen. Endlich kam unser Flugaufruf.
Rentner, Pensionäre und all die anderen, die sich im wohlverdienten Ruhestand befinden, haben eine große Fertigkeit im Vordrängen entwickelt - als Folge ihres beständigen Zeitmangels. „Hab keine Zeit“, ist nicht umsonst der bekannte Rentnergruß. Das ist nicht nur so dahingesagt, es ist wirklich so. Sie haben die Kostbarkeit der Zeit erkannt und deshalb ist ihre Zeit immer bis auf die letzte Sekunde verplant.
So stürmten wir nun „unseren Flieger “, nicht weil wir Angst hatten, es könnte sich ein anderer auf unseren Plätzen niederlassen, sondern, weil wir wussten, dass einerseits die besten Zeitungen und Magazine immer zuerst vergriffen sind und andererseits der Platz für das Handgepäck in diesen Charterflugzeugen nicht üppig ist, d.h. wer zu spät kommt, hat seine Tasche unter seinen Füßen. Nun, Senioren verfügen über ein ziemlich großes Erfahrungspotential.
Der Flug verlief ruhig. Wie auf Wolken gebettet, glitten wir dahin. Die Sonne war uns gewogen. Sie begleitete uns weite Strecken. Riss einmal der Himmel auf, konnte ich wie all die anderen, die fasziniert aus den kleinen Flugzeugfensterchen guckten, Straßen und Flüsse, Berge und Täler, große und kleine Ansiedlungen und schließlich das Meer unter uns sehen. Ich konnte mich von dem Blick nach unten gar nicht losreißen.
Nach einer sehr sanften Landung gingen wir auf dem Flughafen nahe bei Santa Cruz von Bord. Wir waren an unserem Ferienziel, der Insel des ewigen Frühlings und der Blumen angekommen. Blauer Himmel und Temperaturen, die um zwanzig Grad höher lagen als zu Hause, bereiteten uns auf Madeira einen angemessenen Empfang.
Unser Hotel im nahe gelegenen Funchal hatte Klasse und vermittelte von Anfang an ein Gefühl des Wohlbefindens.
Wir erwanderten, erforschten, bewunderten und bestaunten Funchal, mal mit, mal ohne Reiseführerin. Doch richtig zur Sache ging es, als wir zu unserer ersten Inselrundfahrt aufbrachen. Von der zweithöchsten Steilklippe der Welt schauten wir auf das Meer hinunter, überquerten, die Bequemlichkeit des Busses schätzend, einen hohen Pass und steuerten schließlich die nordwestlichste Spitze Madeiras an. Dort wartete schon ein gutes Mittagessen auf uns. Die Heimfahrt führte uns an vielen Sehenswürdigkeiten vorbei, die fleißig fotografiert und ganz schnell wieder vergessen wurden. Doch das steht Senioren zu, sie brauchen nicht mehr alles in ihren Köpfen abzuspeichern. Es gibt Bücher, in denen man alles bestens nachlesen kann.
Sehr viel Neues zu sehen und zu erleben versprachen wir uns von einer ganztägigen Inseltour durch den Osten von Madeira.
Doch diesmal war uns der Wettergott nicht so wohl gesonnen. So fuhren wir zwar zum zweithöchsten Berg der Insel, doch vor lauter Nebel konnten wir ihn nicht sehen. Wir bestaunten eine Forellenzuchtanstalt, aber nur durch die vom Regen getrübten Scheiben unseres Busses. Auf der Weiterfahrt knipsten wir die für Madeira typischen, farbenfrohen Madeirahäuschen, indem wir uns gegenseitig die Schirme über unsere Fotoapparate hielten und oh Wunder - dank der modernen Technik - gelangen die Bilder sogar.
Wir hatten auch Zwischenstopps, die nicht nur der Bildung zu gute kamen, sondern mehr unserem leiblichen Wohl dienten, und dank des „Ponchas“, einem einheimischen Mixgetränks aus Zuckerrohrschnaps, Zitronensaft und Honig, stieg auch unsere Stimmung. Diese erreichte ihren Höhepunkt als unser „Chef“ mit einer ganzen Flasche Poncha in der einen und einem Stapel Pappbecher in der anderen Hand in den Bus kam. Jedem wurde ein Schlückchen von dem süßen klebrigen Getränk angeboten, und fast alle griffen auch zu. Unsere einheimische Reiseführerin erzählte uns dabei, dass Poncha ein sehr beliebtes Getränk auf der Insel sei. Den ersten Poncha trinkt man für die Gesundheit, den zweiten für die Seele, den dritten, weil er so gut schmeckt, den vierten, weil er glücklich macht, den nächsten, weil man danach wunderbar schlafen kann. Die Aufzählung der Gründe für das Ponchatrinken wurde noch weiter fortgesetzt. Am Schluss stand die Erblindung bei allzu vielen Ponchas.
Nachdem unser „Chef“ seine Runde durch den Bus gemacht hatte, wurde er auf dem Weg nach vorn von einem Mitreisenden um Nachschub gebeten. Dieser Bitte wurde prompt entsprochen. Alles ist relativ. Die Ration im Becher war wohl etwas klein geraten. „Wenn ich keine Brille auf hätte, könnte ich gar nichts in meinem Becher sehen,“ versuchte der pfiffige Senior unseren Reiseleiter zu provozieren. Der Schuss ging jedoch nach hinten los. „Poncha macht blind, haben wir gerade gehört,“ erwiderte unser „Chef“ ganz gelassen, und dabei lachte ihm der Schalk aus den Augen, aber dass er bei bestimmten Menschen so schnell wirkt, das hätte ich dann doch nicht gedacht.“ Fröhliches Lachen im Bus. Gute Laune pur.
Als wir am späten Nachmittag vor unserem Hotel ausstiegen, hatte der Regen etwas nachgelassen, aber das war nun nicht mehr von Bedeutung. Wir waren der Meinung, dass diese verregnete Inselrundfahrt sehr viele positiven Seiten gehabt hatte. Das Lachen und die gute Stimmung werden noch lange in uns nachklingen.
Nun wollten wir, so wie es sich für Senioren geziemt, ein wenig der Ruhe pflegen. Schließlich wartete schon bald ein gutes Abendessen auf uns. Doch damit würde der schöne Tag noch lange nicht zu Ende sein. Bei Musik, Tanz, angeregter Unterhaltung und dem Nippen am „Cocktail des Tages“ würden wir uns in der Hotelbar wieder treffen und uns gemeinsam auf den nächsten Tag mit neuen Abenteuern freuen.
Die letzten Tage eines Urlaubs vergehen immer viel schneller als die ersten. So war es auch auf dieser Reise. Als wir uns vor dem heimatlichen Flughafen tief in unsere dicken Jacken kuschelten, und trotzdem noch froren, hatte uns der Alltag wieder eingeholt.
(c) Gitta Spandau, März 2002