von Gitta Spandau
Ich stand an das Fensterbrett gelehnt. Meine Augen erklommen die ungewöhnliche Höhe des Raumes. Sie verweilten auf dem nicht mehr ganz so frischen Anstrich der Wände, ehe sie sich beim Anblick der an schon etwas rostigen Stäben aufgehängten Neonröhren zu Schlitzen verengten. Auch die Decke, die aus Schallschluckgründen mit Styroporplatten verkleidet war, erfreute meine Augen nicht. Langsam wanderten sie zum Fußboden hinab. Ein leichtes Glänzen zeigte sich. Stabparkett. Fast hundert Jahre alt, aber vor noch nicht allzu langer Zeit liebevoll aufgearbeitet.
Ja, fast hundert Jahre war das Gebäude schon alt, doch für sein Alter durchaus noch gut im Schuss. Damals als Schule gebaut , diente es heute immer noch dem gleichen Zweck.
Die Wärme des Heizkörpers zog wohlig meinen Rücken hinauf, doch das Ausbreiten dieses Wärmegefühls im Kopf hatte einen ganz anderen Grund.
Blonde, dunkele und zwei rothaarige Köpfchen neigten sich emsig arbeitend über ihre Arbeitsblätter. Das kleine „n" war heute neu eingeführt worden .Nun waren die kleinen Schüler dabei, ein Blatt mit kleinen „n" zu füllen. Alle Größen waren erlaubt. Die Farbe für jeden Buchstaben konnte selbst ausgesucht werden. Ich wollte mich gerade wundern, warum die Phase des Arbeitseifers meiner Schüler diesmal so lange anhielt, als mein Blick sich mit dem von Tommi traf. Er ließ seinen Radiergummi gerade mit einem leisen „töf, töf, töf" über den Übungszettel fahren, hielt aber sofort inne und schaute mit Unschuldsmine zu mir auf. „Ich bin schon lange fertig, na ja fast fertig, aber ich bin jetzt müde und habe Hunger. In meiner Frühstücksbox liegt doch so ein leckeres Brot. Wie jeden Morgen habe ich es doch mit meiner Mami zurechtgemacht. Ganz dünn die Brotscheiben und dazwischen Salatblätter und Salamischeiben, die aber schön dick". Tommi kannte bereits die Uhr.
Demonstrativ aber wortlos guckte er zu mir herüber. „Genug gearbeitet, ihr Schätzchen," unterbrach meine Stimme die nicht mehr ganz so große Arbeitsruhe der kleinen Schüler. "Wir packen jetzt die Arbeitsblätter in die blaue Mappe, und die kommt dann ordentlich in den Ranzen .Und nun", „holen wir die Frühstücksdeckchen aus den Körbchen," schallte es aus der Klasse. Großes Gedränge vor dem Regal mit den Körbchen, in denen sich neben den Deckchen noch andere Unterrichtsmaterialien befanden, die den Ranzen der Erstklässler nicht noch schwerer machen sollten, wie er schon war. Erstaunlich schnell löste sich das Kinderknäuel wieder auf und schon bald saßen alle an ihrem Platz und packten erwartungsfroh ihre Frühstücksdosen aus. Zufrieden kauende Gesichter. Nur Tommi schaute zuerst entsetzt, aber dann ganz traurig in seine Frühstücksdose. Er steckte seine kleine Nase hinein, schüttelte ungläubig seinen Kopf und dann liefen dicke Tränen seine Bäckchen herab. „Tommi, was ist denn los?" fragte ich. „Komm doch mit deinem Frühstück zu mir und laß uns nachsehen, was da nicht stimmt." Mit gesenktem Kopf die Frühstücksdose weit von sich haltend kam der kleine Junge nach vorn an mein Pult. Tapfer wischte er sich mit der kleinen Faust über die Augen und zog die Nase hoch. „Guck doch mal, Leberwurstbrot! Und wie dick die da drauf ist! Und das Salatblatt guckt auch raus." Ich schaute in die Dose und war ratlos. An dem Frühstück war wirklich nichts auszusetzen, ganz im Gegenteil . „Genau so sollte ein Frühstück aussehen; die beiden Radieschen in der einen Ecke und der in Viertel geschnittene Apfel ,der liebevoll in Klarsichtfolie eingewickelt war. Da kriegte man doch gleich richtig Appetit" dachte ich, „hier schaust du in ein Stück richtiges Familienleben". Aber Tommis kummervolles Gesichtchen passte gar nicht zu der schönen Vorstellung. Aller Kummer dieser Welt zeichnete sich auf ihm ab. Seine Hände schoben die Dose immer weiter von sich weg. „Meine Mami hat die Frühstücksdosen vertauscht" schluchzte er und schniefte dabei kräftig durch die Nase. „Und meine Schwester ist doch schon so groß, die geht schon lange ins Gymnasium. Ich hab doch so viel Hunger, aber Leberwurst kann ich nicht essen, die kann ich doch noch nicht mal riechen." Voller Abscheu schaute er auf sein Frühstücksbrot. Doch dann erblickten er mein Frühstück. Knäckebrot mit ein bisschen Nutella dazwischen. Das war seit einiger Zeit mein Standartpausenbrot. Es ging schnell, die Zubereitung machte relativ wenig Arbeit , die Kalorienzahl hielt sich auch im Rahmen des Erträglichen, wenn man mit dem „Süßen" sparsam umging. Ich nahm es aus der Tüte und wollte gerade hineinbeißen, als ich den begehrlichen Blick Tommis so richtig wahr nahm. Seine Augen wurden immer größer, seine Tränen versiegten, auf seinem Gesichtchen breitete sich ein leises Lächeln aus, das bald ins Spitzbübische hinüberwechselte. Irgendwie konnte ich mir in diesem Augenblick keinen Reim auf Tommis Stimmungsumschwung machen, aber als ich seinem Blick folgte, der mein Knäckebrot bereits mit den Augen verspeiste, ging mir endlich ein Licht auf. Sollte dieser Kummer so leicht aus der Welt zu schaffen sein? Nun wanderte mein Blick zwischen Leberwurstbrot und Nougatcreme-Knäcke hin und her. Tommi beobachtete mich genauestens, fast so als wolle er mich hypnotisieren. Mir begann die Sache so richtig Spaß zu machen. Das Vertrauen des Kleinen zu spüren, tat so gut .Ich zog seine Brotbüchse zu mir herüber und schob ihm mein Knäckebrot zu. Den von seiner Mutter so schön in Viertel geteilten Apfel legte ich in die Mitte zwischen uns. Nun wurde Tommi aktiv. Sorgfältig wickelte er den Apfel aus der Folie. Zwei Viertel legte er neben das Knäckebrot, die beiden anderen Viertel schob er mir zu. Sein nun ernst gewordenes Gesichtchen war eine einzige Frage. Ich musste meine ganze Kraft zusammennehmen, um den kleinen Kerl nicht an mich zu ziehen und zu drücken. Statt dessen setzte ich eine ernste Miene auf – was wirklich gar nicht so einfach war. „Der Tausch ist okay. Er gefällt mir", sagte ich mit meiner allerbesten Pädagogikstimme „Und außerdem", fügte ich schnell noch hinzu, „kommt Leberwurst bei mir gleich nach Nougatcreme". Ein Leuchten zog über das kleine Gesicht, als wäre die Sonne aufgegangen.
Da können wir jetzt ja frühstücken! Danke!" Und weg war er.
(c) Gitta Spandau, Februar 2001