Zuckerwatte


 von Gitta Spandau 

 

Stehen Sie gern in einer Schlange? Sei es beim Bäcker, sei es beim Metzger, Sie warten und warten , schauen auf die Uhr, zählen die Wartenden vor Ihnen und hoffen, dass man endlich die erlösende Frage stellt: „Was kann ich für Sie tun?“ Ich hasse Schlangestehen, ziemlich gleichgültig wo. Bei meinem Vater war das genau so. Er hatte jedoch Strategien entwickelt, die ihm entweder halfen, die Wartezeit besser zu überstehen, oder sie trickreich abzukürzen. Ich schaffe das bis heute nicht, noch immer nicht.

Unsere Tochter scheint in dieser Hinsicht erblich vorbelastet zu sein. Sie hat diese Erblast jedoch nicht widerstandslos hingenommen, nein sie entwickelte die Strategien ihres Großvaters schon als kleines Mädchen weiter und baute sie von Fall zu Fall immer mehr aus.

 

Nach dem Mauerbau, der Westdeutschland von der “Zone“ trennte, war es die Pflicht der Westdeutschen die Verbindung zu ihren Verwandten von drüben zu pflegen und ihnen wie auch immer beizustehen. Ein solcher Beitrag konnte zum Beispiel ein monatliches Paket mit Kaffee, Schokolade, Bananen, Chipstüten, Bonbons und Kaugummi sein. Das Einkaufen der zu versendenden Dinge, das Besorgen von einem passenden Karton, Papier und Schnur, sowie das sorgfältig nach genauer Vorschrift hergestellte Paket zur Post zu bringen, wo es natürlich nie einen Parkplatz gab, waren nur am Rande zu erwähnende Kleinigkeiten, über die man gar nicht sprach, und die selbstverständlich im genannten Beitrag enthalten waren.

In den frühen siebziger Jahren war es dann möglich die Verbindung nach drüben noch enger zu gestalten. Dazu bedurfte es eines Antrags auf Einreise, der zwar schwierig zu handhaben, aber meistens genehmigt wurde. Anfänglich durfte man nur mit der Bahn einreisen, etwas später kam die Erleichterung, seine Lieben dort drüben  mit dem eigenem Auto besuchen zu können.

Als dieser Entwicklungsstand erreicht war, machten auch wir uns mit zwei kleinen Kindern, klopfenden Herzen und voll gepacktem Auto auf die Strecke. Die Fahrt war abenteuerlich, die Grenzüberschreitung psychoterrormäßig, der Empfang dafür umso herzlicher.

Acht Personen in einer Wohnung von knapp sechzig qm war wie das Nachtlager von Granada. Doch die Wiedersehensfreude deckte alle Unbequemlichkeiten zu, wie der Schnee den Schmutz

Wir meldeten uns vorschriftsmäßig auf der Polizei an, nachdem wir unser gutes Geld gezwungener Maßen in “Spielgeld“ umgetauscht hatten. Diese Bezeichnung hatte unsere Tochter damals kreiert, weil sie und ihr kleinerer Bruder ungewohnter Weise Geld von uns zum Kaufen von Spielsachen bekommen hatte, das wir nicht ausgeben konnten, da es nichts Lohnendes zum Kaufen gab. Paradiesische Zeiten für unsere Kinder!

Ein weiterer Höhepunkt unseres Besuches war für unseren Nachwuchs der Gang zum zufällig stattfindenden Herbstmarkt.  Karussell fahren bis zum Nicht-mehr-mögen. Und dann war da noch der Zuckerwattestand.

Doch die lange Schlange davor brachte Unmut auf das Gesicht unserer großen Kleinen. Man konnte ihr richtig ansehen, wie es in ihr arbeitete. Mit gerunzelter Stirn blickte sie zum Ende der Schlange und fixierte das Schild: „Zuckerwatte – 50 Pf“, um dann mit verschmitztem Lächeln geradewegs darauf zu zu gehen. Beim dritten Kind von vorn machte sie halt. Wir beobachteten, wie sie gestikulierend auf ein kleines Mädchen einredete. Wir sahen wie sich ein Strahlen auf dem Gesicht des angesprochenen Mädchens ausbreitete. Geld wechselte den Besitzer. Unsere Tochter trat einen Schritt zur Seite und baute sich in Warteposition auf. Das Mädchen kam mit zwei riesigen Portionen Zuckerwatte zurück, überreichte eine davon unserem Schätzchen, verabschiedete sich kichernd und lief davon. Mit zufriedener Miene, Zuckerwatte auf Gesicht und Anorak verteilt, kam unsere Süße zu uns zurück. „Die Zuckerwatte hat nun halt eine Mark gekostet, das kostet sie zu Hause auf dem Pfingstmarkt auch, und hier war es nur Spielgeld, und in der langen Schlange brauchte ich auch nicht zu stehen.“ Siegesbewusst grinste sie uns von unten herauf an. Genüsslich schleckte sie weiter an ihre Zuckerwatte weiter.

Unsere Verwandten wussten nicht so recht wie sie sich verhalten sollten. Unmut, Neid und Bewunderung vermischten sich in ihren Blicken. „Ja, ihr aus dem Westen......“.

 (c) Gitta Spandau, Juli 2001